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Die Stadt in der Ostschweiz lockt Schlachtenbummler mit Oper und Dessous-Schau

St. Gallens kultureller Kontrapunkt zum Fußball


St. Gallens kultureller Kontrapunkt zum Fußball ©ddp

ddp) 12.06.2008 08:18:40 - Nicht nur für eingefleischte Fußballfans, die in diesen Wochen zu EM-Spielen in die Alpenländer reisen, bietet sich ein Ausflug ins schweizerische St. Gallen als kultureller Zwischenstopp an. Die Stadt nahe dem Bodensee ist unbestrittene Kultur-, Bildungs- und Wirtschaftsmetropole der Ostschweiz und lockt in diesem Sommer mit einer Reihe kultureller Höhepunkte zwischen Mittelalter und Moderne.


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St. Gallen (ddp). Nicht nur für eingefleischte Fußballfans, die in diesen Wochen zu EM-Spielen in die Alpenländer reisen, bietet sich ein Ausflug ins schweizerische St. Gallen als kultureller Zwischenstopp an. Die geschichtsträchtige Stadt nahe dem Bodensee ist unbestrittene Kultur-, Bildungs- und Wirtschaftsmetropole der Ostschweiz und lockt in diesem Sommer mit einer Reihe kultureller Höhepunkte zwischen Mittelalter und Moderne.
Zum dritten Mal laufen die St. Galler Festspiele vom 20. Juni bis 5. Juli rund um die historische Klosteranlage. Im Zentrum steht die große Open-Air-Produktion auf dem Klosterhof: Guiseppe Verdis kraftvolles Frühwerk «Giovanna d´Arco» , aufgeführt vor der malerischen Kulisse des alten Klosterstifts, das 1983 zum UNESCO-Weltkulturerbe deklariert wurde. Zum Markenzeichen der Festspiele ist schon nach zwei Jahren der «Tanz in der Kathedrale» geworden, bei dem eine einmalige Verbindung von Tanz, dem herrlichen barocken Raum der Kathedrale und sakraler Musik erlebt werden kann.
Am 25. Juni beginnt im Innenhof des Historischen und Völkerkundemuseums das 4. Romantische Kulturfestival. Bis zum 19. Juli können Schweizer Top-Bands, Tango aus Argentinien, Zigeunermusik aus Ungarn und jeden Abend kulinarische Köstlichkeiten erlebt werden.
St. Gallen verdankt seinen Namen und seine Entstehung dem irischen Wandermönch Gallus, der im Jahr 612 vom Bodensee her ins Hochtal der Steinach kam und eine Einsiedlerzelle errichtete. Etwa hundert Jahre später wurde hier ein Benediktinerkloster gegründet, das durch Grundstücksübertragungen zur Reichsabtei heranwuchs und schon im 9. Jahrhundert seine religiöse und wissenschaftliche Hochblüte erlebte.
Davon zeugt noch heute als größter Schatz der Stadt die Stiftsbibliothek mit rund 150 000 Bänden, darunter gut 2000 Handschriften, von denen etwa 400 vor dem Jahr 1000 entstanden. Die jedermann zugängliche Jahresausstellung «Geheimnisse auf Pergament» zeigt anhand frühmittelalterlicher Pergamente, wie in einer Zeit, in der nur wenige lesen und schreiben konnten, mit undurchsichtigen Rätseln, scheinbar unsichtbaren Kommentaren und fremden Zeichen, aber auch mit kostbaren Materialien und Ausstattungen Schrift inszeniert wurde. Zu sehen sind Kostbarkeiten wie Psalmen- und Evangelienbücher aus dem 8. und 9. Jahrhundert mit kunstvoll gesetzten Initialen oder auch früheste Gesangsbücher, in denen die Noten den Handbewegungen des Abtes beim Dirigieren des Mönchschors nachempfunden sind.
St. Gallen kann es aber auch moderner. Im Stadion im Sittertobel läuft vom 27. bis 29. Juni zum 32. Mal das OpenAir St. Gallen, das größte Rockfestival der deutschsprachigen Schweiz. Zu den Top-Acts gehören in diesem Jahr die international renommierten Künstler Lenny Kravitz, Beck und Bad Religion.
Wer die 180 Stufen auf den Turm der St. Laurenzen-Kirche hinaufsteigt (geöffnet 9.30 bis 11.00 Uhr und 14.00 bis 16.00 Uhr), erkennt beim Rundblick auf die vielen prunkvollen Erkergebäude der Altstadt auch ein kleines Design-Viertel, das ganz in Rot gehalten ist. Es entstammt der kreativen Kraft der Architektin und Raumkünstlerin Pippilotti Rist, die aus dem zuvor wenig attraktiven Quartier vor wenigen Jahren die «Stadtlounge» gezaubert hat. Diese gilt seither als öffentlich zugängliches Wohnzimmer St. Gallens und wurde beliebter Treffpunkt. Ein bodendeckender Teppich aus rotem Gummigranulat mit integrierten Sitzmöbeln, beleuchtet mit organisch anmutenden Lichtkörpern, verwandelt den Außenraum in einen Innenraum, lässt die Außenwände der Gebäude wie Innenwände des großen Wohnzimmers erscheinen.
Tief blicken lässt bereits seit mehreren Wochen die Ausstellung «Secrets - Dessous ziehen an», die noch bis zum Jahresende im Textilmuseum läuft. Sie ist der Stadt geradezu auf den Leib geschneidert. Denn Stickerei und Spitze gelten weltweit als elementare Dekorationselemente von Dessous, und St. Gallen ist deren kreatives Zentrum. St. Galler Stickereien galten stets als besonders begehrt und stehen in einer langen Tradition, die bis in das frühe Mittelalter zurückreicht. Über Jahrhunderte war das Leben in der Stadt von Leinwandherstellung und dem Besticken gefertigter Stoffe geprägt. Erkergeschmückte Bürgerhäuser und prachtvolle Jugendstilvillen in der Altstadt und in Bahnhofsnähe zeugen noch heute vom Reichtum der St. Galler Textilkaufleute im industriellen 19. Jahrhundert. Bis heute sind St. Galler Stoffe und Stickereien auf den Laufstegen von Paris, Mailand, London und New York zu bewundern.
Gastkuratorin der «Secrets»-Ausstellung im Textilmuseum ist die Pariser Wäsche-Designerin Chantal Thomass. Mit einer Prise Witz, spielerisch und unvoyeuristisch zeigt die Schau, welche Bedeutung der intimsten Kleidung der Frau seit Jahrhunderten zukommt.
Kulturelle Glanzlichter setzt auch die Umgebung der Metropole St. Gallen. Die mediterran anmutende Kleinstadt Rorschach direkt am Bodensee zeigt in ihrem Kornhaus bis zum 31. August die Ausstellung «Unter Pinguinen» mit den besten Arbeiten des auf die antarktische Vogelart spezialisierten Fotografen Bruno P. Zehnder. Beim Internationalen Sandskulpturen-Festival vom 11. bis 16. August in Rorschach formen Künstlerteams aus zehn Ländern am Bodenseeufer tonnenschwere Kunstwerke aus Sand. Im nicht weit entfernten Bodensee-Ort Staad kann die Markthalle Altenrhein, konzipiert und entworfen von dem Wiener Ausnahme-Künstler Friedensreich Hundertwasser, besucht werden.
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